Und so kam es, dass ich nach der Volks­schu­le das Gym­na­si­um besuch­te. Ich freu­te mich dar­auf. Schließ­lich wuss­te ich, dass das Gym­na­si­um eine neue Ära in mei­nem Leben ein­lei­ten wür­de. Ich ver­ließ die Kind­heit und blick­te hoff­nungs­voll dem neu­en Lebens­ab­schnitt, der Jugend, ent­ge­gen. Dazu stell­te ich mir die fol­gen­de Frage:

Was will ich?

Ich ging in mich. Ich ließ die Fra­ge auf mich wir­ken. Und als ich dies tat, soll­ten mir unter­schied­li­che Gedan­ken in den Sinn kom­men. Jedem ein­zel­nen schenk­te ich dabei mei­ne Auf­merk­sam­keit. Im Geis­te über­prüf­te ich, wel­che Vor­stel­lun­gen ich in mei­ner Jugend rea­li­sie­ren woll­te. Schon bald soll­te fol­gen­der Ent­schluss für mich feststehen:

Ich will ange­se­hen bei mei­nen Mit­schü­lern sein!

Ich will Klas­sen­bes­ter sein!

Ich will wei­ter­hin bei SK Rapid Wien Fuß­ball spielen!

Ich will das Gym­na­si­um mit dem Abitur abschließen!

Die­se Gedan­ken woll­te ich in mei­ner Jugend rea­li­sie­ren. Und so soll­te es vor­erst auch gesche­hen. Durch mein Ver­hal­ten schaff­te ich es, dass ich ange­se­hen und beliebt bei mei­nen Mit­schü­lern war. Dank mei­nes Flei­ßes und mei­nes Ehr­gei­zes konn­te ich mein Ziel, Klas­sen­bes­ter zu wer­den, errei­chen. Alles lief wie am Schnür­chen, denn ich hat­te mein Leben nach dem fol­gen­den Leit­satz ausgerichtet:

Fleiß hat sei­nen Preis

 

Doch mein Leben soll­te sich ändern, als ich eines Tages eine Schul­ar­beit aus dem Unter­richts­fach Mathe­ma­tik zurück­be­kam. Es han­del­te sich um ein Fach, indem ich damals wahn­sin­nig begabt war. Mei­ne Nei­gung zur Mathe­ma­tik ver­dan­ke ich mei­ner Groß­mutter. Sie brach­te mir auf eine spie­le­ri­sche Art und Wei­se den Umgang mit Zah­len bei. Dadurch schaff­te sie es, mein Inter­es­se dafür zu wecken. Mit ihr übte ich gern das Kopf­rech­nen und es mach­te mir Spaß, mathe­ma­ti­sche Auf­ga­ben zu lösen. So konn­te ich fol­gen­de Wor­te von mir sagen:

Ich bin mit Leib und See­le bei der Sache.

Doch dies soll­te sich an jenem besag­ten Tag ändern. Dies­mal wur­de mei­ne Schul­ar­beit mit der Note „Gut“ bewer­tet. Als ich das Heft zurück­be­kam, war ich sehr ent­täuscht und trau­rig über das Ergeb­nis. „Wie konn­te das pas­sie­ren?“ Die­se Fra­ge ging mir durch den Kopf. Zum ers­ten Mal hat­te ich mein Ziel verfehlt.

Des­halb sah ich mir mei­ne Schul­ar­beit gründ­lich an. Dabei wur­de ich wütend, denn aus mei­ner Sicht waren alle Bei­spie­le von mir kor­rekt berech­net wor­den. Das ein­zi­ge, was mein Leh­rer bemän­gel­te, war eine mathe­ma­ti­sche Defi­ni­ti­on, die ich aus mei­ner Sicht eben­falls kor­rekt wie­der­ge­ge­ben hat­te. In mei­nem Übungs­heft stand sie genau­so aufgeschrieben.

Die Defi­ni­ti­on bestand aus zwei Hälf­ten. Bei der Schul­ar­beit wur­de aller­dings nur nach einem der bei­den Tei­le gefragt. In mei­nem Über­ei­fer schrieb ich jedoch bei­de auf. Daher bewer­te­te mein Leh­rer die Ant­wort als falsch.

Sei­ne Begrün­dung lau­te­te sinn­ge­mäß: „Micha­el, ich habe nur nach einem Teil der Defi­ni­ti­on gefragt. Du hast mir bei­de auf­ge­schrie­ben. Daher gehe ich davon aus, dass dir unklar ist, wonach ich gefragt habe. Des­halb kann ich die Ant­wort nur als Feh­ler wer­ten! Des­we­gen steht dir nur die Note „Gut“ zu!“

Die­se Begrün­dung reg­te mich auf. In Wahr­heit woll­te ich doch nur zei­gen, dass ich bei­de Tei­le der Defi­ni­ti­on kann­te. Mir war sehr wohl bewusst, dass nur nach einem gefragt wor­den war. Die Beno­tung erschien mir will­kür­lich. Daher such­te ich in der Pau­se erneut das Gespräch.

Doch der Leh­rer wei­ger­te sich, mei­ne Sicht zu akzep­tie­ren. Er beharr­te auf sei­nem Stand­punkt. So ent­stand der Ein­druck in mir, dass Beno­tun­gen rei­ne Will­kür dar­stel­len. In die­sem Moment begann ich, das Bewer­tungs­sys­tem anzu­zwei­feln. Und als ich dies tat, wur­de ich unbe­wusst mit dem fol­gen­den Leit­satz konfrontiert:

Alles dreht sich

 

Mei­ne Welt begann, sich zum ers­ten Mal zu dre­hen. Dies geschah, weil ich mei­ner Mei­nung mehr Bedeu­tung schenk­te, als der Mei­nung mei­nes Leh­rers. So erschuf ich unbe­wusst ein Gefäl­le, und mein inne­res Gleich­ge­wicht geriet aus der Bahn. Ich war unfä­hig, das Erleb­nis ein­fach ruhen zu las­sen, denn die fol­gen­den Wor­te gin­gen mir stän­dig durch den Kopf:

Ich bin im Recht.

Davon war ich über­zeugt und daher bereit, mei­nen inne­ren Kon­flikt nach außen zu tra­gen. Dies tat ich auch, indem ich mei­ner Umge­bung die Arbeit zeig­te und dar­über zu reden begann. Durch die Gesprä­che wur­de ich von den Men­schen, die eine ähn­li­che Sicht wie ich ver­tra­ten, in mei­nem Glau­ben bestärkt.

Jene Per­so­nen hin­ge­gen, die den Stand­punkt mei­nes Leh­rers ein­nah­men, ver­such­te ich von mei­ner Sicht zu über­zeu­gen. Gelang mir dies, so war ich zufrie­den. Hiel­ten sie jedoch an ihrer Mei­nung fest, so wur­den sie mir unsym­pa­thisch. Die­se Men­schen begann ich, als Ver­rä­ter zu bezeichnen.

Ab die­sem Zeit­punkt wur­de ich SELBST zum Rich­ter. Ich begann, Situa­tio­nen zu bewer­ten. Ich glaub­te, im Recht zu sein und begann mich auf­grund mei­ner Ver­hal­tens­wei­se, gegen­über der Ansicht ande­rer zu ver­schlie­ßen. Inner­lich ver­krampf­te ich. Dadurch ver­lor ich mei­ne Locker­heit. So lern­te ich am eige­nen Leib den fol­gen­den Leit­satz kennen:

Alles steht in einem unmit­tel­ba­ren Zusammenhang

 

Mei­ne Welt begann, sich zu ver­än­dern, da ich sie nun mit ande­ren Augen betrach­te­te. Ich leg­te die kind­li­che Anschau­ung ab und eig­ne­te mir eine wer­ten­de und besitz­ergrei­fen­de Sicht­wei­se an. Dies geschah dadurch, indem ich das Erleb­nis zu ana­ly­sie­ren begann. Die fol­gen­den Fra­gen soll­ten mich zu einem Umden­ken bewegen:

Wel­chen Sinn hat die Schu­le, wenn ein Leh­rer will­kür­lich han­deln kann?
War­um muss ich für etwas ler­nen, wenn mir das Inter­es­se dafür fehlt?
Was sagen Noten über einen Men­schen aus?
Was sagt ein Titel über einen Men­schen aus?
Wel­chen Sinn hat die Schule?

Die­se Fra­gen ließ ich auf mich wir­ken. Jede davon ging ich solan­ge in mei­nem Kopf gedank­lich durch, bis ich mir SELBST eine Ant­wort geben konn­te. Schließ­lich kam ich zu fol­gen­der Überzeugung:

Ein Leh­rer beno­tet die Leis­tung sei­nes Schü­lers. Ent­spricht sie sei­nen Vor­stel­lun­gen, erhält der Schü­ler eine ange­mes­se­ne Beno­tung nach dem per­sön­li­chen Wer­te­sys­tem des Päd­ago­gen. Die­ser hat eine Macht­po­si­ti­on inne und ent­schei­det über das Schick­sal sei­nes Schütz­lings. Er spielt sozu­sa­gen Gott.

Die­ses Bild soll­te in mei­nem Kopf ent­ste­hen und mit der Zeit unter­schied­li­che Gefüh­le in mir her­vor­ru­fen. Eines davon war das Gefühl der Will­kür, ein anders das der Unge­rech­tig­keit. Die­se Emo­tio­nen und noch vie­le mehr konn­te ich in die­ser Situa­ti­on wahr­neh­men. Das geschah des­we­gen, da ich unfä­hig war, die fol­gen­den Wor­te von mir zu sagen:

Ich las­se sein.

So ent­fern­te ich mich aus dem Zustand des Seins und begab mich unbe­wusst in den Zustand des Habens. Ich hat­te mir mei­ne Mei­nung gebil­det und die­se woll­te ich nun auf Bie­gen und Bre­chen durch­set­zen. Ich war bereit, den Kampf anzu­neh­men und Wider­stand zu leis­ten. Unbe­wusst erschuf ich so eine recht­ha­be­ri­sche Persönlichkeit.

Die fol­gen­den Gedan­ken soll­ten nun mei­ne Per­sön­lich­keit in der Jugend bestimmen:

Ich will mich für mein Recht einsetzen!

Ich will gegen die Unge­rech­tig­keit ankämpfen!

Ich will an mei­ner Mei­nung festhalten!

Ich will der Will­kür ein Ende setzen!

Ich will mich für die Schwa­chen einsetzen!

Ich will die Star­ken bekämpfen!

Die­se Gedan­ken ent­stan­den dadurch, indem ich begann, Situa­tio­nen zu bewer­ten. Unbe­wusst erschuf ich so das Schub­la­den­den­ken. Auf die­se Denk­wei­se gehe ich im Kapi­tel „Schub­la­den­den­ken“ näher ein.

Doch vor­erst soll­te ich den Sinn in mei­nen Hand­lun­gen ver­lie­ren. Dies geschah dadurch, indem ich nun das Bil­dungs­sys­tem in Fra­ge stell­te. Als ich dies tat, ver­än­der­te sich mei­ne Ein­stel­lung zur Schu­le. Ich begann, mei­ne Zie­le neu zu definieren:

Ich will irgend­wie durchkommen!

Ich will das Gym­na­si­um mit dem Abitur abschließen!

Die­se Gedan­ken waren aus­schlag­ge­bend dafür, dass ich von mei­nem Vor­ha­ben abkam, Klas­sen­bes­ter zu sein. Des­we­gen ver­än­der­te sich auch mei­ne Welt, und ich wur­de vom Klas­sen­bes­ten zum Durch­schnitts­schü­ler. Ich mach­te nur das Wich­tigs­te, um in der Schu­le zu bestehen.

So setz­te lang­sam der Ver­fall ein. Von Tag zu Tag wur­den mei­ne schu­li­schen Defi­zi­te grö­ßer. Als ich dies erkann­te, ver­such­te ich dage­gen vor­zu­ge­hen. Ich sah mir mei­ne Bil­dungs­lü­cken genau an und ver­such­te, zu han­deln. Doch als ich dies tat, ver­nach­läs­sig­te ich ande­re Unter­richts­fä­cher. Schon bald soll­ten neue Defi­zi­te entstehen.

Ich stopf­te sozu­sa­gen ein Loch, und an einer ande­ren Stel­le ent­stand ein neu­es. Wohin dies alles führ­te, ist dir mitt­ler­wei­le von einer frü­he­ren Stel­le in die­sem Buch bekannt.

Ende der sie­ben­ten Klas­se hat­te ich eine Wie­der­ho­lungs­prü­fung in Eng­lisch, an der ich schließ­lich schei­ter­te. Das anschlie­ßen­de Gespräch zwi­schen mei­nen Eltern und mir, soll­te mein wei­te­res Leben prägen.

Vor die­ser Unter­re­dung fürch­te­te ich mich, denn ich konn­te erah­nen, was auf mich zukam. Mei­ne Eltern wür­den läs­ti­ge Fra­gen zu der Prü­fung und zu mei­nem zukünf­ti­gen Leben stel­len. Doch in die­sem Moment woll­te ich alles ande­re, als Rede und Ant­wort ste­hen. Mei­ne Gedan­ken lauteten:

Ich will zur Ruhe kommen!

Ich will mit dem Prü­fungs­er­geb­nis abschließen!

Ich will mich sam­meln und mir mei­nen wei­te­ren Weg überlegen!

Die­se Gedan­ken stan­den im Vor­der­grund. Aus mei­ner Sicht war des­we­gen ein Gespräch sinn­los. Ich woll­te das gera­de Erleb­te ver­ges­sen. Wann wür­de die­ser Spuk enden? Wann wür­den die­se Qua­len vor­bei sein? Die­se Fra­gen beschäf­tig­ten mich, da ich die­sen Kreis durch­bre­chen wollte.

Ich beschloss, eine Run­de spa­zie­ren zu gehen, um auf ande­re Gedan­ken zu kom­men. Daheim zu blei­ben, war in die­sem Moment unmög­lich für mich. Ich brauch­te Klar­heit. Des­we­gen stell­te ich mir auf dem Weg die fol­gen­de Frage:

Was will ich?

Ich ging in mich und dach­te über die­se Fra­ge nach. Doch mei­ne Wun­den waren zu frisch, um auf kla­re Gedan­ken zu kom­men. Ein Weg blieb mir vor­erst ver­bor­gen. So lief ich plan­los in der Gegend umher. Irgend­wann beschloss ich, nach den fol­gen­den Wor­ten zu handeln:

Ich stel­le mich dem Gespräch.

Danach trat ich den Heim­weg an. Zu Hau­se war­te­ten bereits mei­ne Eltern. Sie waren ange­spannt und ner­vös. Schließ­lich woll­ten sie wis­sen, wie die Prü­fung ver­lau­fen sei. Den gan­zen Tag über hat­ten sie an mich gedacht und mit mir mit­ge­fie­bert. Jetzt war die Stun­de der Wahr­heit gekommen.

Mei­ne Mut­ter ergriff sofort die Initia­ti­ve und sag­te mit ängst­li­cher Stim­me: „Micha­el, schön, dich zu sehen! Ich habe mir Sor­gen um dich gemacht. Wo bist du solan­ge gewe­sen?“ Nach einer kur­zen Erklä­rung mei­ner­seits blick­te sie mich hoff­nungs­voll an und frag­te: „Wie ist die Prü­fung ver­lau­fen?“ Doch ihre Mimik ver­riet, dass sie die Ant­wort bereits erahnte.

Als ich sie so vor mir ste­hen sah, wur­de ich noch trau­ri­ger. Ich hat­te nicht nur mich, son­dern auch mei­ne Mut­ter und mei­ne gesam­te Umge­bung enttäuscht.

Die­ses Bild trug ich in mei­nem Kopf und emp­fand es des­halb als schwie­rig, die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den. Gede­mü­tigt senk­te ich den Kopf und schloss dabei die Augen. Danach gab ich lei­se von mir: „Ich bin lei­der durch­ge­fal­len!“ Nach­dem ich die­se Wor­te aus­ge­spro­chen hat­te, fiel eine Last von mei­nen Schul­tern. Mei­ne Trä­nen hielt ich aller­dings zurück, obwohl ich inner­lich weinte.

Im Außen ver­such­te ich ruhig und gelas­sen zu blei­ben. Doch im Inne­ren war ich ver­letz­bar wie sel­ten zuvor. Das Prü­fungs­er­geb­nis setz­te mir zu.

Das Ergeb­nis zeig­te auch bei mei­ner Mut­ter Wir­kung. Sicht­lich geschockt von die­ser Nach­richt ließ sie sich aufs Sofa fal­len. Danach brach sie in Trä­nen aus.

Die­ser Anblick tat mir weh. Ich gab mir die Schuld für ihre Ver­zweif­lung. Schließ­lich hat­te ich versagt.

Mei­ne Mut­ter heul­te so sehr, als stün­de das Ende der Welt bevor. Irgend­wann stell­te sie mir ver­zwei­felt und schluch­zend die fol­gen­den Fra­gen: „Micha­el, wie wird es nun wei­ter­ge­hen? Bleibst du in der Schu­le? Wie stellst du dir dei­ne Zukunft vor?“

Die­se Wor­te wirk­ten in dem Moment bedroh­lich auf mich, denn ich kann­te die Ant­wort nicht. So begann ich erneut dar­über nach­zu­den­ken und fiel dabei in einen tran­ce­ähn­li­chen Zustand. Dies geschah des­we­gen, da mei­ne Mut­ter immer wie­der zu wis­sen ver­lang­te: „Wie wird es wei­ter­ge­hen? Hat es einen Sinn, die Schul­klas­se zu wie­der­ho­len? Wie stellst du dir die Zukunft vor? Bist du zu dumm für die Schule?“

Die­se Fra­gen prall­ten im Sekun­den­takt auf mich ein. Sie wirk­ten wie Geschos­se, denen ich macht­los aus­ge­lie­fert war. Sie zogen mir den Boden unter den Füßen weg.

So ver­lor ich mei­nen Halt und ich fiel in einen boden­lo­sen Raum. Der Sinn mei­nes Lebens rück­te dabei immer mehr in die Fer­ne. Auch die Wor­te mei­ner Mut­ter rück­ten an den Rand. Übrig blie­ben die fol­gen­den Aus­sa­gen, die sich in mei­nem Kopf fest­setz­ten: „Ich bin zu dumm. Ich habe ver­sagt. Alles ist ver­lo­ren.“ Sie erweck­ten schließ­lich den fol­gen­den Gedan­ken in mir:

Ich will mei­nem Leben ein Ende setzen!

Zu die­sem Ent­schluss kam ich. Es wäre für alle Betei­lig­ten bes­ser, wenn ich die­se Welt ver­ließ. Dann wür­den das Leid und der Schmerz, die ich ver­ur­sacht hat­te, enden. Doch auf wel­che Art soll­te ich mein Leben been­den? Die­se Fra­ge galt es, zu beant­wor­ten. Der ers­te Gedan­ke, der mir in den Sinn kam, lautete:

Ich will mich aus dem Fens­ter stürzen!

Mit einem Sprung aus dem sechs­ten Stock woll­te ich mei­nem nutz­lo­sen Dasein ein Ende bereiten.

So begann ich, mich lang­sam in der Woh­nung auf und ab zu bewe­gen. Von wel­cher Sei­te wür­de ich mich hin­un­ter­stür­zen? Soll­te ich das Fens­ter wäh­len, das in Rich­tung Hof zeig­te? Oder vom Bal­kon sprin­gen, der zur Stra­ßen­sei­te gerich­tet war?

Die­se Fra­gen gin­gen mir in die­sem Moment durch den Kopf. Hof­sei­te? Oder doch lie­ber Stra­ßen­sei­te? Dabei rann­te ich von einem Ende des Zim­mers zum ande­ren. Und als ich dies tat, stell­te ich mir den frei­en Fall vor. Mein Geist ent­wich dabei dem Kör­per. So konn­te ich von außen beob­ach­ten, wie mein Kör­per am Asphalt zer­schell­te. Mein Kopf zer­sprang in tau­send Tei­le. Blut brei­te­te sich rasch am Boden aus. Ein letz­tes Zucken durch­fuhr mei­ne Arme und Bei­ne. Dann war es vor­bei. Kei­ne ein­zi­ge Regung zuck­te mehr durch mei­nen Kör­per. Zurück blie­ben mei­ne Eltern und Freun­de, die um mich trau­er­ten. Doch das war mir egal. Die­sen Tod starb ich in die­sem Moment Tau­sen­de Male.

Doch irgend­wann erklang eine Stim­me in mei­nem Kopf. Sie sprach zu mir: „Micha­el, willst du das wirk­lich? Es ist egal, ob du die Stra­ßen­sei­te oder die Hof­sei­te wählst. Tod bist du hier und dort. Oder willst du leben? Dann komm ab von die­sem Gedan­ken. Ver­traue mir. Das Leben hat dir noch viel zu bieten.“

Die­se Wor­te mach­ten mich neu­gie­rig. Was soll­te mir das Leben zu bie­ten haben? Die­se Fra­ge stell­te ich in den Raum und die Stim­me ant­wor­te­te mir: „Ver­su­che zu schla­fen. Mor­gen sieht die Welt ganz anders aus. Gewin­ne Abstand von der Situa­ti­on. Denk an etwas ande­res. Das wird dir gut tun. Als klei­ner Trost sei gesagt: Vie­le Men­schen vor dir muss­ten die Schul­stu­fe wie­der­ho­len. Denk an dei­nen Vater. Denk an Albert Ein­stein. Doch jeder Mensch mach­te etwas aus sei­nem Leben. Also hebe den Kopf, straf­fe die Schul­tern und mach etwas aus dei­nem Leben. Es liegt nur an dir. Ver­traue mir. Ich wer­de da sein, wenn du mich rufst.“

Die­se Wor­te beru­hig­ten mich. Sie hol­ten mich zurück aus der Tran­ce. Auf dem Sofa sah ich nun wie­der mei­ne Mut­ter sit­zen. Sie heul­te nach wie vor und gab dabei die fol­gen­den Wor­te von sich: „Micha­el, was ist los? Bist du zu dumm für die Schu­le? Wie wird es wei­ter­ge­hen? Wie stellst du dir dei­ne Zukunft vor?“

Doch dies­mal ant­wor­te­te ich ihr: „Mama, lass gut sein. Reden wir mor­gen wei­ter. Ich möch­te über die Situa­ti­on nach­den­ken und schla­fen. Mor­gen sieht die Welt ganz anders aus. Ich gehe jetzt in mein Zim­mer.“ Nach­dem ich dies gesagt hat­te, zog ich mich zurück. Wenig spä­ter schlief ich erschöpft ein.

Bli­cke ich heu­te auf jene Stun­den zurück, dann bin ich dank­bar, dass ich sie erle­ben durf­te. Anfangs schien alles hoff­nungs­los zu sein. Doch mit der Zeit soll­ten sich mir Wege offen­ba­ren. Die­se wären im Ver­bor­ge­nen geblie­ben, wenn ich an die­sem Tag mein Leben been­det hät­te. Spe­zi­ell den fol­gen­den Leit­satz nahm ich aus die­sem Erleb­nis für mein zukünf­ti­ges Leben mit:

Zeit heilt alle Wunden

 

Damals war ich am Boden zer­stört. Doch ich stand wie­der auf. Das gab mir die Kraft für mei­nen wei­te­ren Weg. Und schon bald soll­te ich wie­der Gefal­len an mei­nem Leben fin­den. Dazu ging ich in mich und stell­te mir erneut die fol­gen­de Frage:

Was will ich?

Über die­se Fra­ge dach­te ich inten­siv nach. Dar­aus soll­ten schließ­lich die Fol­ge­fra­gen entstehen:

Was will ich in mei­nem Leben wirk­lich errei­chen?
Was berei­tet mir Freu­de?
Was macht mich glück­lich?
Wie stel­le ich mir mein Leben vor?

Die­se Fra­gen galt es zu beant­wor­ten, und mit der Zeit soll­te ich zu fol­gen­dem Ent­schluss kommen:

Ich will in der Schu­le wie­der Fuß fassen!

Ich will ange­se­hen bei mei­nen neu­en Mit­schü­lern sein!

Ich will an die­ser Schu­le das Abitur machen!

Ich will einen ande­ren Leh­rer in Eng­lisch bekommen!

Ich will eine Freun­din haben!

Ich will Fuß­ball spielen!

Ich will Geld ver­die­nen, damit ich auf eige­nen Bei­nen ste­hen kann!

Ich will erwach­sen sein!

All die­se Gedan­ken woll­te ich nun in mei­nem Leben ver­wirk­li­chen. Doch das Fuß­ball­spie­len und die Schu­le konn­te ich nur schwer unter einen Hut brin­gen. Bei­de Sachen waren sehr zeitintensiv.

Damit ich mei­ne guten Leis­tun­gen im Sport erbrin­gen konn­te, trai­nier­te ich vier Mal in der Woche bei Sk Rapid Wien. Zusätz­lich mach­te ich ein Son­der­trai­ning, um kör­per­lich fit zu sein. Dies ver­schaff­te mir gegen­über mei­nen Mit­spie­lern einen Vorteil.

Doch nun galt es, mei­ne schu­li­schen Defi­zi­te auf­zu­ar­bei­ten. Dafür brauch­te ich eben­falls Zeit. Das wuss­te ich. Doch woher soll­te ich sie neh­men? Schließ­lich ist Zeit begrenzt ver­füg­bar. Nach lan­gem Nach­den­ken soll­te ich zu fol­gen­dem Ent­schluss kommen:

Ich will das zusätz­li­che Trai­ning einstellen!

Das war mein Opfer, das ich bereit war, zu erbrin­gen, um in der Schu­le wie­der Fuß zu fas­sen. Ich mach­te die Schu­le zur obers­ten Prio­ri­tät. Das Fuß­ball­spie­len rück­te an zwei­te Stel­le. Mit die­ser geän­der­ten Lebens­ein­stel­lung betrat ich die neue Klas­se. Von mei­nen Kame­ra­den wur­de ich herz­lich will­kom­men gehei­ßen. So fiel es mir leicht, die fol­gen­den Wor­te zu sagen:

Ich füh­le mich wohl.

Gleich von Beginn an wur­de ich von mei­nen Mit­schü­lern gut auf­ge­nom­men. Die­ses Wohl­wol­len tat mir gut, denn es brach­te mir das Anse­hen, das ich mir so sehr gewünscht hat­te. Ich bekam auch einen neu­en Leh­rer in Eng­lisch. Dies ermög­lich­te mir der Schul­di­rek­tor, der mei­nem Vor­schlag, am Eng­lisch­un­ter­richt in der Par­al­lel­klas­se teil­zu­neh­men, zustimmte.

Somit war der neue Grund­stein gelegt, und ich blick­te hoff­nungs­voll der Zukunft ent­ge­gen. Mit der Ver­gan­gen­heit hat­te ich abge­schlos­sen und begriff nun die Aus­sa­gen, die mir mei­ne Eltern, über all die Jah­re ver­sucht hat­ten, beizubringen:

„Das Wich­tigs­te im Leben ist die Schu­le. Wenn du eine gute Schul­aus­bil­dung hast, ste­hen dir alle Wege offen. Dann wirst du leicht in der Berufs­welt Fuß fas­sen. Du kannst dann so viel Geld ver­die­nen, dass du dir alles leis­ten kannst, was du dir wünschst. Du wirst dich und dei­ne Fami­lie ernäh­ren kön­nen und ein sor­gen­frei­es Leben führen.

Wid­mest du dei­ne Auf­merk­sam­keit aus­schließ­lich dem Fuß­ball­spie­len, so ist unge­wiss, was gesche­hen wird. Es gibt so vie­le gute Spie­ler. Wei­ter besteht die Mög­lich­keit, dass du dich ver­letzt und den Sport nicht mehr aus­üben kannst. Was willst du dann tun? Des­we­gen soll Fuß­ball nur dein zwei­tes Stand­bein sein.“

Die­se Aus­sa­gen erga­ben auf ein­mal einen Sinn. Ich erkann­te, dass erwach­se­ne Men­schen Situa­tio­nen ganz anders ein­schät­zen konn­ten. Ich hin­ge­gen leb­te bis zu die­sem Zeit­punkt in einer Traum­welt. Es war nun an der Zeit, mei­ne kind­li­chen Fan­ta­sien und Träu­me­rei­en auf­zu­ge­ben. Dies tat ich, indem ich die fol­gen­den Gedan­ken fasste:

Ich will erwach­sen sein!

Ich will den Vor­stel­lun­gen der Gesell­schaft entsprechen!

Ich will von der Gesell­schaft als erwach­sen ange­se­hen werden!

Die­se Gedan­ken soll­ten mein Leben ver­än­dern. Doch wie stell­te ich mir Erwach­sen­sein vor? Die­se Fra­ge galt es zunächst, zu beant­wor­ten. Des­we­gen begann ich, erwach­se­ne Men­schen zu beob­ach­ten. Ich schau­te mir ihr Ver­hal­ten genau an und stell­te dabei Fol­gen­des fest:

Erwach­se­ne ver­fü­gen über eine gute Schul­aus­bil­dung. Erwach­se­ne haben eine Arbeit. Erwach­se­ne füh­ren eine Bezie­hung. Erwach­se­ne besit­zen Klei­dung, ein Auto und eine Woh­nung. Erwach­se­ne haben Geld. Erwach­se­ne rau­chen Ziga­ret­ten. Erwach­se­ne trin­ken Alkohol.

So nahm ich die Gesell­schaft wahr und woll­te nun unbe­dingt Teil die­ser Gesell­schaft sein. Im Außen glaub­te ich zu erken­nen, was für mein zukünf­ti­ges Leben wich­tig sein wür­de. Unbe­wusst begann ich, mich aus dem Zustand des Seins fort­zu­be­we­gen und tauch­te lang­sam in den Zustand des Habens ein. Dies geschah unter ande­rem dadurch, indem ich die fol­gen­den Vor­sät­ze fasste:

Ich will Alko­hol trinken!

Ich will Ziga­ret­ten rauchen!

Ich will Geld haben!

Ich will Arbeit haben!

Ich will eine Bezie­hung führen!

Ich will Klei­dung, ein Auto und eine Woh­nung besitzen!

Schritt für Schritt begann ich, mein Vor­ha­ben in die Tat umzu­set­zen. Ich fing an, Alko­hol zu trin­ken und Ziga­ret­ten zu rau­chen. Ich begann mich schick und modisch zu klei­den. Dafür benö­tig­te ich Geld. Daher ging ich in den Som­mer­fe­ri­en arbei­ten, damit ich mir die­ses Leben leis­ten konnte.

In mei­ner Kind­heit sah ich Schei­ne und Mün­zen als Mit­tel zum Zweck an. In mei­ner Jugend änder­te sich die­se Sicht­wei­se. Geld nahm einen höhe­ren Stel­len­wert ein. Ich hat­te erkannt, dass ich mir damit alles leis­ten konn­te, was ich woll­te. Die fol­gen­den Aus­sa­gen beschrei­ben, wie ich die Welt nun wahrnahm:

Mit Geld kann ich mir ein Auto kau­fen. Mit Geld kann ich mir ein Haus kau­fen. Mit Geld kann ich mir Klei­dung kau­fen. Mit Geld kann ich mir Nah­rung kau­fen. Mit Geld kann ich mir Freun­de kau­fen. Mit Geld kann ich mir Frau­en kau­fen. Mit Geld kann ich mir Poli­ti­ker kaufen.

Es ent­stand der Ein­druck in mir, dass Geld das Wich­tigs­te auf der Welt sei. Ich glaub­te zu erken­nen, dass es mir alle Türen und Tore öff­nen wür­de. Bestär­kung dar­in fand ich in den fol­gen­den gesell­schaft­li­chen Aus­sa­gen: „Geld macht glück­lich. Geld macht frei. Geld bringt Wohl­stand. Geld bringt Anerkennung.“

Die­se Sät­ze hör­te ich tag­ein und tag­aus. Es dau­er­te eini­ge Zeit – doch irgend­wann begann ich, dar­an zu glau­ben. Und als ich dies tat, wur­de Geld zum Mit­tel­punkt mei­nes Lebens. In mei­ner Kind­heit regier­te ich mei­ne Welt. In mei­ner Jugend regier­ten Schei­ne und Mün­zen mei­ne Welt. So ver­än­der­te sich mein Leben von der Selbst­be­stim­mung hin zur Fremdbestimmung.

Daher hör­te ich auf, an mei­ne Vor­stel­lun­gen zu glau­ben. Die Sicht­wei­se von außen hat­te mich über­zeugt. So wur­de ich schließ­lich von der Gesell­schaft geformt. Ich wur­de ihr Skla­ve. Der fol­gen­de Leit­satz begann mein Leben zu dominieren: 

Geld regiert die Welt

 

Ich woll­te mehr davon. Und als ich mei­ne Auf­merk­sam­keit auf den Mehr-Gedan­ken lenk­te, setz­te mein per­sön­li­cher Wan­del ein. Ich defi­nier­te mei­ne Welt gedank­lich neu. In mei­ner Kind­heit war ich ein­fach glück­lich. In mei­ner Jugend begann ich nun, mein Glück­lich-Sein abhän­gig zu machen. Die fol­gen­den Aus­sa­gen beschrei­ben mei­ne dama­li­ge Vorstellung:

„Ich bin glück­lich, wenn ich eine Bezie­hung füh­re. Ich bin glück­lich, wenn ich einen Beruf habe. Ich bin glück­lich, wenn ich Geld, Klei­dung, ein Auto und eine eige­ne Woh­nung besitze.“

Von die­sen Aus­sa­gen mach­te ich nun mei­nen emo­tio­na­len Zustand abhän­gig. Und so geschah es, dass ich wah­res Glück­lich-Sein mit der Zeit zu ver­ler­nen begann, denn ich hat­te es an Bedin­gun­gen geknüpft. Blieb eine davon uner­füllt, war ich unzu­frie­den. So ver­lern­te ich schließ­lich, fol­gen­de Wor­te zu sagen:

Ich bin glücklich.

Heu­te ist mir klar, dass ich durch die­se Denk­wei­se unbe­wusst die Ach­ter­bahn­fahrt mei­ner Gefüh­le erschuf. Je mehr Bedin­gun­gen sich in mei­nem Leben gleich­zei­tig erfüll­ten, des­to inten­si­ver wur­de mein Glücks­ge­fühl. Tra­fen alle Bedin­gun­gen ein, so hat­te ich den Höhe­punkt mei­nes emo­tio­na­len Posi­tiv­zu­stands erreicht.

Die­ser Zustand hielt solan­ge an, solan­ge ich alles hat­te, was ich woll­te. Änder­ten sich hin­ge­gen die Bedin­gun­gen, so begann sich auch mein Glücks­ge­fühl zu ver­än­dern. Ich spür­te, dass etwas fehl­te. Die­ses Gefühl soll­te schließ­lich die Tal­fahrt ein­lei­ten. Ich beweg­te mich abwärts und ver­lor so an Höhe. Durch den Höhen­ver­lust geriet mein wah­res Glück in wei­te Ferne.

Die Ach­ter­bahn­fahrt der Gefüh­le war gebo­ren. Und ich lern­te, mit mei­nen Gefühls­schwan­kun­gen umzu­ge­hen. Sie wur­den zu einem fes­ten Bestand­teil in mei­nem Leben. Schon bald sah ich sie als nor­mal an. In mei­ner Kind­heit war es jedoch anders. Von Gefühls­schwan­kun­gen hat­te ich kei­ne Ahnung, da ich mein Glücks­ge­fühl aus mir SELBST schöpfte.

Als John Len­non ein Kind war, sprach sei­ne Mut­ter eines Tages zu ihm: „John, ach­te immer dar­auf, dass du glück­lich bist. Glück­lich sein ist das Ein­zi­ge, was im Leben zählt.“ Als der Jun­ge die­se Wor­te von sei­ner Mut­ter hör­te, spür­te er, dass sie sein Leben auf eine posi­ti­ve Art und Wei­se prä­gen soll­ten. Und so ver­gin­gen die Jah­re. John wuchs her­an. Als er nun das Alter eines Jugend­li­chen erreicht hat­te, stell­ten ihm sei­ne Eltern fol­gen­de Fra­ge: „Was willst du wer­den, wenn du groß und erwach­sen bist?“ Der Jun­ge dach­te einen Moment nach. Dann ant­wor­te­te er auf die­se Fra­ge mit fol­gen­den Worten:

Ich will glück­lich sein!

Dar­auf­hin lächel­ten Johns Eltern. Sie sag­ten zu ihm: „Du hast die Fra­ge falsch ver­stan­den. Wir woll­ten wis­sen, was du wer­den willst.“ „Ich weiß, was ihr wis­sen woll­tet!“, ant­wor­te­te der Jun­ge. Danach erklär­te er, dass sein Vater und sei­ne Mut­ter das Leben wohl falsch ver­stan­den. Er woll­te jeden­falls von sich stets sagen können:

Ich bin glücklich.

Mir ging es ähn­lich. Als Kind konn­te ich ein­fach sein. Glück­lich sein. Ich tat, was ich tun woll­te. In mei­ner Jugend lern­te ich jedoch zu funk­tio­nie­ren. Ich tat, was ande­re von mir ver­lang­ten. Heu­te ist mir bewusst, dass die­se ver­än­der­te Lebens­ein­stel­lung enor­me Aus­wir­kun­gen auf mein Leben hat­te. Ich wand­te mich ab vom Zustand des Seins und begab mich unbe­wusst in den Zustand des Habens.

Damals merk­te ich, dass eine Ver­än­de­rung in mir vor­ging. Doch deren Fol­gen kann­te ich nicht. Daher ließ ich sie zu, um an mei­nem eige­nen Leib zu erfah­ren, was sie bewirken.

Das fol­gen­de Gedicht ent­stand in mei­ner Jugend und beschreibt, wie ich die­se Ver­än­de­rung damals wahrnahm:


Stre­ben nach Macht

Haben, haben, haben.
Anstel­le uns­res SEINS.
Bloß der Besitz von Gaben.
Ermäch­tigt unser EINS.
Niemand löst sich vom Haben.

Haben, haben, haben.
Alles dreht sich um Neid.
Bangen um die Gaben.
Ein jeder fin­det Leid.
Niemand löst sich vom Haben.

Haben, haben, haben.
Als Nichts fühlt man sich leer.
Bald wenig Lie­be – wenig Gaben.
Es lohnt sich nichts mehr.
Niemand löst sich vom Haben.

Myra Fall 1998

So hielt ich damals die bevor­ste­hen­de Ver­än­de­rung fest. Was danach geschah, ist schnell erzählt. Ich lern­te mei­ne ers­te Freun­din Ele­na ken­nen. Durch die Bezie­hung soll­te sich mei­ne Denk­wei­se ver­än­dern. In mei­ner Kind­heit war ich der Mit­tel­punkt mei­ner Welt. Nun mach­te ich Ele­na zum Mit­tel­punkt mei­ner Welt. Mei­ne Gedan­ken for­mu­lier­te ich folgendermaßen:

Für Ele­na will ich da sein!

Mit Ele­na will ich mei­ne Zukunft verbringen!

Mit Ele­na will ich leben!

Ele­na rück­te an ers­te Stel­le. Mein „Ich“ hin­ge­gen, nahm den zwei­ten Platz ein. So begann sich mei­ne Welt um Ele­na zu dre­hen. Im Namen der Lie­be fand die­ser Wan­del statt. Ich glaub­te nun zu ver­ste­hen, was es bedeu­tet, einen Men­schen wahr­haf­tig zu lie­ben. Bestä­ti­gung für die­se Art von Lie­be fand ich in der Bezie­hung mei­ner Eltern zueinander.

Mei­ne Mut­ter sag­te etwas und mein Vater ver­wirk­lich­te ihre Wor­te. So waren sie für­ein­an­der da. Sie ergänz­ten sich. Alles, was mei­ne Mut­ter woll­te, bekam sie. Denn sie sprach ihre Anlie­gen offen aus. Mein Vater hin­ge­gen hör­te zu und begann, jeden ihrer Wün­sche zu rea­li­sie­ren. Die­ses Bild des für­ein­an­der Daseins präg­te mich, und ich begriff nun den fol­gen­den Leitsatz:

In guten wie in schlech­ten Zeiten

 

Auch ich woll­te auf die­se Wei­se für Ele­na da sein. Daher begann ich, eben­falls alles zu tun, um Ele­na glück­lich zu machen. Doch als ich dies tat, begann ich mein SELBST zu ver­nach­läs­si­gen. Ich mach­te mein Glück­lich-Sein von Ele­na abhän­gig. All dies geschah unter dem Vor­wand „im Namen der Liebe.“

Im Namen der Lie­be leg­te ich nun das Amt des Schul­spre­chers nie­der. Ich tat dies, weil das Anse­hen, das die­ses Amt mit sich brach­te, Ele­na ver­letz­te. Ihre Krän­kung zeig­te sie, indem sie eines Tages an ihrer Hand zu rit­zen begann. Die sicht­ba­ren Nar­ben mach­ten mir Angst. Sie waren der Anlass für mei­nen Entschluss.

Die­sen teil­te ich dem Schul­di­rek­tor mit. Er bedau­er­te mei­nen Rück­tritt, doch er ver­stand ihn. Die fol­gen­den Wor­te gab er mir mit auf den Weg: „Hel­fen kann sich Ele­na nur selbst. Du kannst sie auf ihrem Weg bes­ten­falls unter­stüt­zen. Ele­na ist für ihre Hand­lun­gen ver­ant­wort­lich, du für dei­ne.“ Aus die­sem Gespräch lern­te ich schließ­lich den fol­gen­den Leit­satz zu begreifen:

Jeder Mensch trägt die Ver­ant­wor­tung für sei­ne Handlungen

 

Doch sei­ne Wor­te soll­ten erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt Sinn erge­ben. Und so geschah es, dass ich ihre Sor­gen und Pro­ble­me zu mei­nen eige­nen mach­te. Ele­na war die Per­son, um die täg­lich mei­ne Gedan­ken kreis­ten. Sie stell­te die Son­ne dar, um die sich mei­ne Welt zu dre­hen begann. Ich strahl­te, wenn sie strahlte.

Daher war es logisch und nahe­lie­gend für mich, Ele­na an mich zu bin­den. Zum Zei­chen mei­ner Lie­be schenk­te ich ihr zu unse­rem ers­ten Weih­nachts­fest einen Ver­lo­bungs­ring. Ich tat dies in dem Glau­ben, dass ich so wie­der Kon­trol­le über die Situa­ti­on erlan­gen wür­de. Die Lie­be stand für mich erst an zwei­ter Position.

Heu­te wür­de ich anders han­deln und einen Ver­lo­bungs­ring nur mehr aus Lie­be schen­ken. Dar­aus ent­ste­hen Gefüh­le wie Sicher­heit, Gebor­gen­heit und schließ­lich auch Kon­trol­le. Ich hin­ge­gen gab Ele­na den Ring aus­schließ­lich, weil ich Kon­trol­le erlan­gen woll­te. Und als ich dies tat, ver­än­der­te ich unbe­wusst die Sym­bo­lik die­ses Schmuckstücks.

Für mich war der Ver­lo­bungs­ring ein Macht­in­stru­ment. Sein Besitz stärk­te mich. Er ver­lieh mir Kraft, sodass mein Selbst­be­wusst­sein stieg. Als Per­son fühl­te ich mich mehr wert. So erlang­te ich auch das Anse­hen in der Gesell­schaft, das ich mir so sehr gewünscht hat­te. Über das Außen hat­te ich mei­ne inne­re Mit­te wie­der gefunden.

Bli­cke ich heu­te auf die­se Zeit zurück, so erken­ne ich, wie sich damals mein Leben vom Zustand des Seins zum Zustand des Habens ver­la­ger­te. In mei­ner Kind­heit war Jesu mein Vor­bild. Ich glaub­te an sei­ne Geschich­te. In mei­ner Jugend hin­ge­gen begann ich, die Geschich­te Jesu aus mei­nem Leben zu verbannen.

Die Lebens­läu­fe ande­rer Per­so­nen gewan­nen für mich an Inter­es­se. Es waren die Geschich­ten, die Hol­ly­wood­stars schrie­ben. Und schon bald wur­den sie zu mei­nen Vor­bil­dern. Dies geschah des­we­gen, weil sie stets in den Medi­en und im Fern­se­hen prä­sent waren. Ich begann an das zu glau­ben, was ich täg­lich zu sehen bekam.

So wur­de ich von außen geformt und mein per­sön­li­cher Wan­del setz­te ein. Mei­ne Per­sön­lich­keit defi­nier­te ich nach mei­nen Beob­ach­tun­gen. Es war die Zeit, in der ich das Rau­chen von Ziga­ret­ten und das Trin­ken von Alko­hol zu einem fes­ten Bestand­teil mei­nes Lebens mach­te. Ich rede­te mir ein, dass ich die­se Din­ge unbe­dingt benötigte.

All die­se Vor­gän­ge fan­den im Namen der Lie­be statt. Zum dama­li­gen Zeit­punkt kann­te ich ihre Aus­wir­kun­gen nicht. Daher über­prüf­te ich sie an mei­nem eige­nen Leib. Heu­te weiß ich, was ich im Leben aus­drü­cken möch­te. Ich mache nur das, was ich SELBST vor mir ver­ant­wor­ten kann. Schließ­lich ken­ne ich die Bedeu­tung der fol­gen­den Worte:

Ich bin für mein Han­deln verantwortlich.

So soll­te sich mein Leben schritt­wei­se ver­än­dern. Die Spi­ri­tua­li­tät ersetz­te ich durch das wis­sen­schaft­li­che Den­ken. Als Kind konn­te ich an Über­sinn­li­ches glau­ben. In mei­ner Jugend kam ich davon ab. Mich über­zeug­ten nur noch jene Din­ge, die wis­sen­schaft­lich bewie­sen wer­den konn­ten. Ich hat­te gelernt, mein Leben nach dem fol­gen­den Leit­satz auszurichten:

Glau­ben heißt nicht wissen

 

Heu­te weiß ich, dass der Glau­be die Grund­vor­aus­set­zung für die Wis­sen­s­er­lan­gung ist. Bevor ich weiß, wie eine Sache funk­tio­niert, muss ich zuerst an sie glau­ben. Das Ver­trau­en in eine Sache wird zu mei­nem per­sön­li­chen Antrieb. Er moti­viert mich so sehr, dass ich stän­dig den fol­gen­den Gedan­ken in mei­nem Kopf trage:

Ich will die Sache verwirklichen!

Danach ver­su­che ich mei­ne Gedan­ken in der Rea­li­tät umzu­set­zen. Ich hand­le. Dabei wech­selt sich der Pro­zess des Den­kens mit dem Pro­zess der Akti­vi­tät stän­dig ab. Konn­te ich den gewünsch­ten Zustand errei­chen und bin ich in der Lage, ihn jeder­zeit wie­der­her­zu­stel­len, habe ich Wis­sen erlangt.

Ein gutes Bei­spiel für die­sen Pro­zess ist die­ses Buch­pro­jekt. Im ers­ten Schritt über­leg­te ich mir, was ich errei­chen will. Ich defi­nier­te mein Ziel. Im zwei­ten Schritt dach­te ich dar­über nach, wie ich mein Ziel am bes­ten erlan­ge. Danach wur­de ich selbst aktiv, indem ich zu schrei­ben begann. Dabei wech­sel­ten der Schreib­pro­zess und der Denk­pro­zess ein­an­der stän­dig ab.

In die­sem Moment hältst du das Buch in dei­nen Hän­den. Das bedeu­tet, dass ich alle Schrit­te durch­wan­dert bin, die für eine Buch­ver­öf­fent­li­chung not­wen­dig sind. Was einst in mei­nem Geist ent­stand, ist nun real gewor­den. Du kannst es angrei­fen. Du kannst es lesen. Das ist für mich der Beweis, dass der Geist die Mate­rie formt und ich die fol­gen­den Wor­te von mir sagen kann:

Ich weiß, dass es so ist.

Ich habe den Ent­ste­hungs­pro­zess an mei­nem eige­nen Leib durch­lebt. Heu­te weiß ich, dass ich durch mei­ne Gedan­ken mei­ne Rea­li­tät erschaf­fe. Die­ses Wis­sen erlang­te ich durch Refle­xi­on, indem ich mir mei­ne Ver­gan­gen­heit anschau­te und dar­aus zu ler­nen begann.

Wie kommst du mit dei­ner Ver­gan­gen­heit zurecht?
Kannst du dich an dei­ne Jugend erin­nern?
Wie war dei­ne Sicht­wei­se?
Gibt es Par­al­le­len zwi­schen mei­ner Jugend zu dei­ner Jugend?
Wel­che Erfah­run­gen nimmst du aus dei­ner Jugend mit?
Wann begann sich dein Leben zum ers­ten Mal zu ver­än­dern?
Was präg­te dich in dei­ner Jugend?

Gehe in dich und den­ke in Ruhe über die­se Fra­gen nach. Las­se dei­nen Gedan­ken frei­en Lauf und nimm dir für die Beant­wor­tung so viel Zeit, wie du brauchst. Sei dabei ehr­lich zu dir SELBST.

Wenn sich aus einer Fra­ge wei­te­re erge­ben, dann hal­te die­se eben­falls in dei­nem Tage­buch fest. Du wirst auf alles eine Ant­wort bekom­men, die du dir schließ­lich SELBST geben wirst.

Bevor ich mich dem nächs­ten Kapi­tel „Sicht-Wei­se: Erwach­sen“ zuwen­de, möch­te ich dir noch zu Ende erzäh­len, wie sich mein Leben in der Jugend gewan­delt hat. Dank der Bezie­hung zu Ele­na begann ich, mei­ne Ein­stel­lung zur Schu­le zu über­den­ken. Dabei soll­te sich fol­gen­der Ent­schluss herauskristallisieren:

Ich will in der Schu­le Fuß fassen!

Die­ser Gedan­ke soll­te mein Han­deln ver­än­dern. Und so geschah es, dass ich mei­ne Auf­merk­sam­keit ver­mehrt auf mei­ne Aus­bil­dung lenk­te. Ich setz­te mich mit mei­nen schu­li­schen Defi­zi­ten aus­ein­an­der. Dabei han­del­te ich nach den fol­gen­den Worten:

Ich behe­be mei­ne Defizite.

Als ich dies tat, wand­te ich mei­nen Blick vom Sport ab. Die Fol­ge war, dass mei­ne Leis­tun­gen in der Schu­le zunah­men, mei­ne Leis­tun­gen im Sport nah­men jedoch ab. So lern­te ich unbe­wusst den fol­gen­den Leit­satz an mei­nem eige­nen Leib kennen:

Jede Medail­le hat zwei Seiten

 

Die Sei­te, die ich nun ken­nen­lern­te, war, dass der Erfolg in der Schu­le zurück­kehr­te. Der Erfolg im Sport hin­ge­gen nahm ab. Dies soll­te schließ­lich dazu füh­ren, dass SK Rapid Wien mei­nen Ver­trag auf­lös­te und mich für einen ande­ren Ver­ein frei­gab. Mein Traum, bei SK Rapid Wien Fuß­ball zu spie­len, war ausgeträumt.

Nun galt es, eine neue Vor­stel­lung zu kre­ieren. Doch wie soll­te die­se aus­se­hen? Als Kind leb­te ich den Traum, den ich SELBST erschuf. Als Jugend­li­cher begann ich nun, einen Traum zu leben, den die Gesell­schaft in mir her­vor­ge­ru­fen hat­te. Heu­te weiß ich, wie es dazu kam. Ich über­nahm das gesell­schaft­li­che Den­ken für mein Leben.

So gelang es mir schließ­lich, mein ers­tes Etap­pen­ziel in mei­nem Leben zu errei­chen. Ich schloss das Gym­na­si­um mit dem Abitur ab. Die­ses Ereig­nis soll­te zu einem beson­de­ren Tag in mei­nem Leben wer­den, denn ich ver­ließ den Kreis der Jugend und wur­de in den Kreis der Erwach­se­nen auf­ge­nom­men. Ab die­sem Zeit­punkt konn­te ich selbst­be­wusst die fol­gen­den Wor­te sagen:

Ich bin erwachsen.

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